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Homogen und facettenreich (PNP-Feuilleton 11.03.)

Homogen und facettenreich

Ansver Sobtzick, Provocantus und L’arpa festante in Hinterschmiding

Stürmisch und naßkalt präsentiert sich Hinterschmiding am Samstag dem Besucher, wo ihn ein besonderes Konzert erwartet. Die ungewöhnliche Rundkirche des Architekten Hans Beckers aus dem Jahr 1971 empfängt die Besucher mit warmem Licht, imposanter Raumwirkung und wunderbarer Akustik. Georg Friedrich Händels “Israel in Egypt” steht auf dem Programm. Der Konzertchor Provocantus mit seinem Gründer und Leiter Ansver Sobtzick haben mit diesem Oratorium einen weiteren Höhepunkt in ihrem Repertoire erarbeitet. Dank intensiver Stimmbildung, kontinuierlicher Probenarbeit, aber auch geselligen Musikerlebnissen gelingt diesem Chor mit einer gesunden, gemischten Altersstruktur ein homogener und facettenreicher Klang. Die ungewöhnliche Chor-aufstellung (nicht nach Stimmen eingeteilt, sondern klug gemischt) in zwei Blöcke unter Mitwirkung der Gesangssolisten ergänzt diesen Eindruck. Intensive Einstudierung, große Textverständlichkeit und exakte Intonation tun ein Übriges.

Das Werk ist nach Messias das meist gesungene Oratorium Händels. Der Chor ist hier Handlungsträger und erzählt die Handlung nach Bibelzitaten. Der neue ägyptische Pharao, der nach König Josephs Tod das Volk Israel regiert, knechtet das Volk Israel. Dieses bittet Gott um Hilfe, der Moses schickt, um sein Volk zu befreien. Zehn Plagen hat das Volk zu dulden, ehe Moses sie aus Ägypten führt. Im zweiten Teil “Mose’s Song” wird die Geschichte des Auszugs erzählt und mündet in einen großen Lobgesang. Händel komponiert die verschiedenen Plagen sehr plastisch mit ausdrucksstarker Symbolik und Lautmalerei, z. B. die Fliegen- und Heuschreckenplage mit rhythmischem Hüpfen, ein chromatisches Fugenthema als Zeichen des Ekels oder die Darstellung des Regens und des Hagels, in einer großen Steigerung zum Unwetter (Blechbläser und Pauke). “Er erschlug jede Erstgeburt Ägyptens, den Quell all ihrer Stärke” mit wuchtigen Schwertschlägen als kurze Orchesterakkorde. Wenn von Schafen die Rede ist gleicht es fast einem weihnachtlichen Siciliano im Dreiertakt mit Flöten. Die Solisten haben eine mehr betende, betrachtende Funktion mit Ausnahme des Tenors, der in Rezitativen erzählt. Benedikt Heggemann meistert dies mit angenehmen Timbre und etwas schnellem Vibrato. Ein Höhepunkt sind die beiden Sopranistinnen Veronika Würfl und Maria Weber. In einem einzigen Duett verschmelzen die beiden Stimmen und ergänzen sich wunderbar. Würfls warmer Ton hat sehr berührt! Die beiden Bässe Marlo Honselmann und Xaver Sobtzick besingen “Den Herrn als Krieger”. Rührend, dass der Lehrer Honselmann seinen Schüler Sobtzick hier debütieren lässt!
Sehr angenehm ist die Stimme von der Altistin Margit Bauer, die uneitel und mit klarer Tongebung überzeugt. Das Barockorchester L’arpa festante mit seinem Konzertmeister und Organisator Christoph Hesse konzertiert zum ersten Mal mit dem Provocantus Chor. Routiniert und in der typischen vibratolosen Spielweise auf z. T. alten Instrumenten begleitet es die Chorgemeinschaft professionell. Sobtzick lässt die Musiker gewähren und bleibt bei sicheren und präzisen Einsätzen.
Ein Glück für den Chorleiter, Jeanpierre Faber als Korrepetitor an seiner Seite zu haben! Das ausführliche Programmheft ist bemerkenswert. “Trauer, Klage, Lebensfreude beschreibt Händel in seinem Werk, er hat für manche Regungen und Zustände der Seele musikalische Möglichkeiten gefunden, die sonst niemand ersinnen konnte”, so Sobtzick in seinem Vorwort. Die begeisterten Zuhörer der vollbesetzten Kirche danken mit stehendem Applaus.

Carola Baumann-Moritz (PNP-Artikel im Feuilleton am 11.03.2019)

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